Ich habe Angst.

Ich habe Angst. Das, was gerade um m ich herum passiert, ist so anders als alles, was ich bisher erlebt habe, dass es mir Angst macht.

Im Supermarkt nebenan ist seit Tagen das Mehlregal fast leer, vom Toilettenpapier sind nur vereinzelte Packungen noch da. Vom Nudelsortiment ganz zu schweigen. Im Radio und Fernsehen läuft nur noch eine Nachricht. Was auch sonst? Es ist ja alles abgesagt.

Und in den Nachrichten wird von langen Schlangen vor den Supermärkten in Italien gesprochen, davon, dass ein normaler Einkauf mindestens einen ganzen Vormittag dauert. Deshalb bin ich besorgt.

 

Ich bemühe mich um Umsicht und um Ruhe. Ja, wir haben ein paar Nudeln mehr im Keller als sonst. Auch Frischkäse ist doppelt so viel wie sonst da. Aber alles andere ist auf Lager wie immer. Wir sind auf nahezu Just-in-time-Einkäufe eingerichtet. Wie wird das nächste Woche sein?

Angst lähmt mich.

Angst lähmt mich. Ich neige dazu, dann erstmal nichts mehr zu tun. Ich sage darüber auch, dass ich besonnen wäre auch in sorgenvollen Zeiten. Ich bleibe ruhig und optimistisch. Und ich schalte den rationalen Teil meines Gehirns ein: wir leben in Deutschland, es gibt hier alles zur Genüge. Nur weil ich zu Hause bleibe wegen der geschlossenen Schulen, heißt das nicht, dass der Paketlieferant nicht mehr kommt. Oder dass die Regale im Supermarkt nicht mehr aufgefüllt werden. Und im Falle eines Falles: der Frühling beginnt. Ich könnte Wildkräuter sammeln hier auf der Wiese und im Wald hinter unserem Haus. Und das Leitungswasser kann ich auch trinken. Also ist doch alles gar kein Problem. Trotzdem lähmt mich die Angst.

Angst macht mich redselig.

Um meine Angst selbst besser zu verstehen, spreche ich oft mit meinem Mann oder mit Freunden. Ich wiederhole mich ständig. Sage, was mich verwundert. Sage, was mich überrascht. Frage, was er weiß. Frage, was sie noch gehört haben. Ich rede dann gern so lange, bis mir die Quelle der Angst (zur Zeit übrigens Corona) quasi zu den Ohren heraushängt.

Ich brauche Führung.

Was ich gerade brauche, ist jemand, der weiß, wie es weiter geht. Jemand, der mir versichert, dass alles gut wird. Ich sehne mich nach der Aussage eines Verantwortlichen, wann alles wieder „normal“ ist. Ich hätte gern jemanden, der mir sagt, was auf jeden Fall im Vorratsschrank sein sollte, damit meine Familie und ich in den nächsten Wochen gut zurecht kommen. Ich brauche einfach Führung.

Und das erinnert mich an Zeiten des Umbruchs in meinen früheren Jobs. Wenn das Umfeld sich ändert, alles anders wird. Wenn eingespart wird, altbekannte Prozesse geändert werden oder die Freiheit im Job zu handeln eingeschränkt werden, ist alles anders als Vorher. Wenn das in Unternehmen passiert, macht das auch Angst. Und Mitarbeiter sehnen sich in ihrer Angst nach Führung.

Sie sehnen sich nach Klarheit über weitere Entwicklungen. Sie möchten jemanden, auf den sie sich verlassen können. Sie möchten vertrauen können. Mitarbeiter suchen Sicherheit. Und oft möchten sie mit jemandem reden um alles loszuwerden, was ihnen zum Thema der Angst beschäftigt. Sie reden und reden und wiederholen sich. Für eine Führungskraft kann das schwer zu ertragen sein – aber zuhören hilft den Laden am Laufen zu halten. Mitarbeiter, die ihrer Führungskraft vertrauen, arbeiten auch in Zeiten der Angst gut. Die Stimmung hebt sich und alle haben mehr Freude. Führungskraft inklusive.